Im Zentrum der Kampagne – das Internet und Kinderpornografie! Die
Präventionskampagne zum Thema ‚Kinderpornografie im Internet –
Pädokriminalität’ bezieht sich auf verschiedene Deliktfelder. Das
zentrale verbindliche Element ist das Internet, eine neue ‚Tatwaffe’
mit dynamisierender Wirkung auf die hier begangenen (Sexual-)Delikte:
Im Internet tauschen Konsumenten Kinderpornografie (illegale
Pornografie), stossen Jugendliche auf allerlei pornografische Angebote
(Jugendschutz), suchen pädosexuelle Menschen in Chats und Kontaktforen
Kinder bzw. Jugendliche, um diese sexuell auszubeuten. Das Internet
spielt hier zwar noch eine geringe Rolle, kommen doch die meisten
dieser Ausbeutungsbeziehungen immer noch durch Kontakte im sozialen
Nahraum (Familie, Schule, Freizeit) zustande.
Dennoch muss die Kampagne das Thema ‚sexuelle Übergriffe auf Kinder und
Jugendliche’ aus der Perspektive der Kontaktnahme im Internet streifen.
Die Schweiz hat sich durch das Unterzeichnen der
UNO-Kinderrechtskonvention zum Schutz der Kinder - und damit zur
Prävention im Bereich ihrer sexuellen Ausbeutung - verpflichtet. Die
Polizei will im Rahmen dieser Kampagne dazu ihren Beitrag leisten; sie
kann dies aber bloss im Rahmen ihres Auftrages tun. Deshalb sind auch
andere staatliche Akteure sowie die übrigen Teile der Gesellschaft
aufgerufen, sich präventiv für die Opfer von Kinderpornografie und
sexueller Ausbeutung einzusetzen und in diesem Anliegen mit der Polizei
zusammen zu arbeiten.
Pornografie kann man von ihrer sozialpsychologischen Wirkung her als
‚(selbst-) manipulative Inszenierung’ beschreiben, die alles
Beziehungsgeschehen auf genitale Sexualität reduziert. Sie setzt dazu
Tabuverletzungen, Aufreizung, Dominanzverhalten ein und verbreitet die
einfache Botschaft der Gleichheit aller Menschen im Sex: Alle wollen ja
bloss das ‚eine’! Der Konsument, der sich dieser Scheinwelt permanent
aussetzt, erlangt dabei leicht eine verzerrte Wahrnehmung: Er verliert
die Sicht für das Ganze einer Person und den Respekt vor ihr, wo sie
seinen Wünschen und Phantasien nicht entspricht. Die eigene
Erregbarkeit wird zum Massstab für die Forderung an andere Menschen.
Konsum von Pornografie kann so auf eine Person und ihr Verhalten
destruktiv wirken. Der liberale Staat weist zwar präventiv auf solche
Zusammenhänge hin, setzt aber mit dem Strafgesetz keine entsprechende
Sittenmoral durch. Deswegen ist der Umgang mit Pornografie in der
Schweiz nicht strafbar – es sei denn, sie weise mindestens eines von
vier Merkmalen auf: Einbezug von Kindern, Tieren, menschlichen
Ausscheidungen, Gewalttätigkeiten. Der Umgang mit Kinderpornografie ist
somit illegal. Sexuelle Ausbeutung von Kindern und ihre bildliche
Darstellung gibt es seit Menschengedenken. Die Verbreitung von
Kinderpornografie hat aber innert einem Jahrhundert durch
Popularisierung zuerst der Fotografie, dann des Amateurfilms, in den
letzten Jahren schliesslich der digitalen Videotechnik und ihre
Verbindung mit dem Computer eine rasante Zunahme erlebt.
Die Vernetzung durch das Internet brachte eine zusätzliche
Beschleunigung für den Markt der Kinderpornografie. Dank weltweiter
Vernetzung und multimedialer Technologien baut das Internet eine
virtuelle Realität auf, die ‚stärker wirkt’ als die echte Realität.
Durch seine interaktiven Möglichkeiten wird der User zum Teilnehmer in
diesen virtuellen Welten. In der Schweiz verfügen zwei Drittel der
Bevölkerung über einen Internetanschluss, immer mehr davon sind
High-Speed-Verbindungen. Das ermöglicht den Bezug von Kinderpornografie,
etwa über die Teilnahme an Peer-to-peer- Netzwerken (P2P), oder den
Tausch über Newsgroups. In Chats begegnen sich pädosexuell veranlagte
Menschen weltweit und tauschen sich miteinander über ihre Phantasien und
Wünsche aus, anonym und in Echtzeit. Oft resultieren in unserer mobilen
Welt daraus echte Begegnungen. Internet-Erfahrung hat auch rund ein
Drittel der unter 13-Jährigen. Doch deren Eltern, die über 35-Jährigen,
verfügen noch über sehr beschränkte Kenntnisse im Internet, gerade die
Mütter, die den Jugendlichen das Surfen erlauben und mit ihnen über
Erfahrungen im Netz reden müssten. Ihnen fehlt zu diesem Dialog aber die
gemeinsame technische Verstehensbasis.
Die Polizei hat in den letzten Jahren die nötige Kompetenz und
Ausrüstung erworben, um im Tatort ‚Internet’ präsent zu sein. Die
international und schweizweit koordinierte Fahndung erzielt
wahrnehmbare Erfolge. Das hat generalpräventive Wirkung: Potenzielle
Konsumenten sind verunsichert, denn Verurteilte haben nicht nur Strafe,
sondern oft soziale Stigmatisierung zu befürchten. Die bisherigen
Ermittlungen der Polizei zeigen: Der Markt mit Kinderpornografie
wächst, technisch versierte Konsumenten wollen immer brutalere Bilder.
Es treten zudem neue Tätertypen auf. Eine zentrale Frage lautet:
Stimuliert das Internet mit seinem immer leichter erreichbaren und
härteren Angebot neue Konsumententypen ausserhalb des klassischen
Pädophilen? Gerät deshalb eine unbestimmte Zahl pädosexuell
disponierter Menschen, deren Menge wegen der Vernetzungswirkung des
Internets zunimmt, durch immer stärkeren Konsum in einen Teufelskreis,
der sie zu Sexualstraftätern werden lässt, zu Menschen, die ihre
aufgebauten Phantasien und Wünsche schliesslich an Kindern ausleben
werden? Die Polizei stellt generell fest, dass überführte Konsumenten
ihr Unrechtshandeln oft nicht einsehen. Sie rechtfertigen sich damit,
dass es diese Bilder ja unabhängig von ihrem Konsum gibt. Hier ist klar
zu machen: Kinderpornografie ist kein ‚opferloses’ Delikt. Jedes Bild
dokumentiert den sexuellen Missbrauch eines Kindes. Kinderpornografie
zerstört Leben!
Bisher wusste man: Pädosexuell veranlagte Menschen merken oft bereits
in ihrer Pubertät, dass sie von Kindern angezogen werden. Da sie um die
Problematik ihrer Veranlagung wissen, bauen sie ein Doppelleben auf,
trennen die Welt ihrer geheimen sexuellen Wünsche von der Fassade eines
bewusst normalen Lebens. Oft leben sie ihre Phantasien aus Angst vor
dem Tabubruch lange nicht aus. Bloss mit Gleichgesinnten reden sie über
ihre Phantasien und Sehnsüchte. Hier bewirkt das Internet deshalb eine
Verdichtung: war es früher schwierig, Gleichgesinnte zu finden,
verbindet das Internet pädosexuell veranlagte Mensch weltweit; in einer
global mobilen Welt können sie sich auch leicht treffen. Durch die
Bekanntschaft mit vielen Gleichgesinnten findet bei ihnen aber eine Art
Normalisierung statt, was den Hemmungsverlust – und damit den Schritt
von der Phantasie zum realen Übergriff - durchaus beschleunigen kann.
Im Leben pädosexueller Menschen spielt die ‚Sammlung’
kinderpornografischer Bilder eine zentrale Rolle. Die Sammlung steht
für die heimliche, eigentliche Welt ihrer Phantasien. Sie versuchen sie
zu vergrössern, finden durch Tausch Anerkennung von Gleichgesinnten.
Wegen des Fetischcharakters dieser Sammlung, entfaltet das Internet
hier einen unvorstellbaren Multiplikationseffekt: Sammlungen umfassen
mehrere 10'000 Bilder. Einmal im Netz sind die Bilder zudem nicht mehr
zu löschen. So kommt es zu einer sekundären Traumatisierung der Opfer,
die wissen, dass ihre Erniedrigung im Netz unauslöschbar dokumentiert
ist. Die kriminologische Literatur kennt für pädosexuelle Täter
verschiedene Typologien. Diese öffnen eine Skala: Sie geht von der
Minderheit der ‚Kernpädophilen’, die bloss zu einer Beziehung mit
Kindern fähig sind, über Personen mit pädosexueller Disposition, die
unter Umständen und in Krisenzeiten des Lebens kompensierend sexuell
auch auf Kinder zugreifen, bis hin zu situationsabhängigen
Gelegenheitstätern, die -sexuell neugierig- den ‚Kick’ des Besonderen
suchen, eben auch Sex mit Kindern. Gerade die beiden letztgenannten
pädosexuellen Typen könnten durch exzessiven Konsum von
Kinderpornografie im Internet ihre Disposition zu pädosexueller
Erregbarkeit aktivieren und später Übergriffstäter werden.
Untersuchungen zeigen, dass mehr Männer als gemeinhin angenommen durch
Kinder und Jugendliche erregbar sind.
Die Therapie von Sexualstraftätern versucht, mit Hilfe eines
dynamischen Deliktkreislaufs den individuellen Weg eines Täters zum
Delikt zu erkunden. Die Täter beschreiben ihr Erleben ja oft als einen
Drang gegen ihren Willen, die Dynamik zum Delikt „geschieht“ einfach.
Im Zentrum dieser Dynamik stehen nämlich eine ungenügendes
Verantwortungsgefühl und die Unfähigkeit zum Einfühlen in das Leid der
Opfer. Durch die Therapie sollen Täter sich der Mechanismen bewusst
werden, die sie eine Hemmschwelle überschreiten und genormte Stationen
auf ein Sexualdelikt hin durchlaufen lassen. So wird Hilflosigkeit
durch Möglichkeiten des Handelns ersetzt, sie lernen ihre Hilflosigkeit
- dem „Drang“ - etwas entgegen zu setzen.
Auf dieser Basis lassen sich auch Präventionsmöglichkeiten definieren:
Bei potenziellen Tätern gilt es, ihr Verantwortungs- und
Empathiedefizit zu beheben. Das gilt auch für Konsumenten von
Kinderpornografie. Sie müssen lernen, Verantwortung für ihre
grenzüberschreitende, pädosexuelle Neugierde zu entwickeln, ihren
individuellen Weg zum deliktischen Konsum zu erkunden und wirksame
Hemmungshindernisse aufzubauen. Es geht darum, präventive
Auswegsstrategien zu haben, wenn die Selbstkontrolle zu versagen
beginnt. So lassen sich Präventionsansätze für Einstiegs- und
Gelegenheitstäter (Methoden zur Selbsthilfe) sowie häufige Konsumenten
(Argumente für therapeutische Hilfe) entwickeln. Da die Dynamik zur
Sexualstraftat strukturiert abläuft, lassen sich hieraus auch Modelle
für die Standortsbestimmung von Zeugen, Mitwissern bzw. Personen im
Umfeld von Tätern definieren. Diese können ihre Erlebnisse mit Tätern
strukturieren, ihre Wahrnehmungen beurteilen und anstelle von
Verdrängung oder Lähmung aktiv Handlungsmöglichkeiten entwickeln. Ein
wachsames und aktives Umfeld wirkt nämlich ebenfalls präventiv gegen
Kinderpornografie. Es kann den Weg zur Genesung unterstützen oder
notfalls durch eine gut vorbereitete Anzeige den Zwang zur Therapie
erhöhen, respektive ein schlimmeres Sexualdelikt verhüten.
Präventive Strategien durch Stärkung potenzieller Opfer in ihrem Abwehrverhalten: Die
Kampagne stellt bewusst die Selbstverantwortung von potenziellen Tätern
in den Mittelpunkt der Prävention. Nicht die Opfer müssen in erster
Linie dafür sorgen, dass sie nicht gefährdet werden. Dennoch versucht
die Präventionskampagne auch Möglichkeiten des Selbstschutzes von
potenziellen Opfern auszubauen. Kinder sollen das Internet und seine
Gefahren kennen (Versuche der Kontaktnahme von Pädosexuellen).
Entsprechende Kommunikationsmassnahmen sollen Kinder und Jugendliche
präventiv mit sinnvollen Regeln im Internet vertraut machen.
Filterprogramme können sie zudem vor Konfrontation mit Pornografie
schützen. Dazu ist es nötig, ihr Umfeld (Eltern, Schule, Lehrer) zu
befähigen, sie auf ihrem Weg im Internet zu begleiten und mit ihnen
ihre Erfahrungen zu verbalisieren. Solches selbstschützendes Verhalten
von Jugendlichen kann durch Akteure der Internet-Welt mit unterstützt
werden (zuständige Institutionen der Schule im Bereich
Internetentwicklung, IT-Unterricht, die Provider). Polizei und
Kinderschutzorganisationen können hier gemeinsam vorgehen. Solche
Bündnisse sind, wo immer möglich, lokal mit Einbezug der Schule
voranzutreiben. Gemeinsam gegen Kinderpornografie und sexuelle Ausbeutung von Kindern – das wirkt!